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März 2008

Lieber Herr B.

Längst schon wollte ich geschrieben haben. Aus Italien bin ich ja schon längst zurück. Es gibt also keine Ausrede.
Ihr freundliches Angebot, mich noch auf andere Burgen, oder nochmals auf die Mainzer zu führen, möchte ich nicht annehmen, sosehr ich Ihre Einladung und Ihre fürsorgliche Begleitung schätzen gelernt habe.
Natürlich will ich Ihnen auch sagen warum nicht.
Die Schlaraffia, geboren aus dem Geist des 19. Jahrhunderts, entstanden aus dem begründeten Bedürfnis, sich aus der erstickenden Enge der bürgerlichen Philisterei einen Raum spielerischer Freiheit zu schaffen, hat es in dem Jahrhundert, in dem wir angekommen sind, ziemlich schwer ihre Sinnfälligkeit unter Beweis zu stellen.  Das bürgerliche Leben, seine strenge Regelhaftigkeit, seine Prüderie, seine auf Besitz und Wohlstand gegründete Autorität, mag dem Gedanken förderlich gewesen sein,  dem gesellschaftlichen Rollenspiel eine Phantasiewelt entgegen zu stellen. Der  ironisch-romantische Rückgriff auf alte ritterliche Herrlichkeit und Tugend mußte  gerade demjenigen  plausibel und wünschenswert erscheinen, der von den ständischen Verbindungen, den akademischen, wie den jenen des Geistes- und des Wirtschaftslebens ausgeschlossen sah. Kein Zufall, daß die Gründerväter der Schlaraffia überwiegend ausübende Künstler waren, denen die Türen zu den gesellschaftlichen Zirkeln nicht offen standen. Der Spott und der Witz, der die Eigenart schlaraffischer Bräuche formte,
hatte einen würdigen Gegenstand und einen allgegenwärtig herausfordernden Gegner.
Und heute? Das Bürgertum, das im 19. Jahrhundert  das kulturelle Leben prägte, das sich in Theatern, Konzertsälen und Opernhäusern die Tempel einer neuen säkularen „Kunstreligion“ schuf und damit ihren Anspruch als politisch führende Klasse einen adäquaten  Ausdruck gab, dieses Bürgertum hat bereits mit dem Ersten Weltkrieg eigentlich zu existieren aufgehört. Zwischen den beiden großen Kriegen verfiel es endgültig in Agonie, um nach  dem zweiten Krieg unter Schutt und Asche begraben zu werden.  Schon nach dem Erstem, aber noch deutlicher nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte das Kleinbürgertum an die Macht. Unmöglich, es in all seinen Facetten hier zu nennen. Aber mit seiner Herrschaft ist notwendig ein Niedergang der bürgerlichen Kultur einhergegangen. Unmöglich, das in all ihren Erscheinungen zu belegen. Im Aufstieg aller „unterhaltenden“ künstlerischen Genres, deren Triebfeder alleine das kommerzielles Interesse an erfolgreicher Produktion und Distribution ist, spiegelt sich der zunehmende Verlust von Bildung, spiegelt sich die Trennung von Wissen und Macht, die Trennung von Schönheitsempfindung und Moralität. Das Holzschwert der schlaraffischen Ritter schlägt keine Wunden, die Sprachwitz streut in die mutwilligen Verletzungen kein Salz.
Soweit im Allgemeinen.
Aber vom Besonderen muß ich ja auch noch sprechen: Der Schlaraffe läßt die Welt der Profaney außerhalb seiner Burgmauern. Da muß ihn ja doch das Bedürfnis treiben dem  Ernst des Lebens, die Heiterkeit eines gemeinschaftlichen Spiels entgegenzusetzen, das vielleicht ja auch auf das Leben draußen zurückwirkt. Ich will ja nicht leugnen, daß es Lebensweisen gibt, die darauf drängen konterkariert zu werden. Genau aber in diesem Punkt fühle ich mich in einer vollkommen anderen Lage.
Meine künstlerische Arbeit ist mir Spiel genug, es ist frei, unverschämt und in einem übertragenen Sinn (weil ich unverbesserlich das Gute, Wahre und Schöne anstrebe) ritterlich. Meine „Burg“ ist der zwar Ort meines Tätigkeit. Ich will sagen: Mein Leben ist nicht profan und es bietet mir nicht den geringsten Grund zur Flucht aus seiner Wirklichkeit.
Natürlich lüge ich. Ich hätte wohl Grund, der Wirklichkeit meines Lebens zu entfliehen, aber in einem anderen Sinn. Zur Wirklichkeit meines Lebens gehört Marginalisierung meiner gesellschaftlichen Stellung und, damit verbunden, die sprichwörtliche Brotlosigkeit meines Berufs. Dieser traurigen Wirklichkeit entkäme ich zwar gerne, aber ich ziehe sie jeder anderen Existenz vor.
Kurz gesagt: auch wenn ich gerne in Gesellschaft humorvoller Menschen bin, so ist mir überhaupt nicht nach witzelnder Freizeitgestaltung zumute. Ich wünsche,  daß es mir gelänge dem Ernst des Menschenseins mit meinem künstlerischen Tun einen fröhliches Licht (im Sinne einer fröhlichen Wissenschaft) aufzustecken, aber mit stichelnden Blödeleien ist diese Hoffnung nicht zu nähren.

Nehmen Sie mir bitte meine bösen Worte nicht krumm.
Seien Sie nochmals für die mir erwiesene Freundlichkeit bedankt und seien Sie herzlich gegrüßt von Ihrem Wolfgang Florey       
     




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