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Der Prophet
Fürchtet Euch nicht!
Ich bin das Licht.
Ich bin die Mitte.
Und das Leben.
Tanzt! Singt! Klingt! Springt!
Doch zuvor:
Seht! Hört! Staunt! Wißt!
Angst herrscht unter den Menschen,
und frißt ihnen Löcher in’s Herz.
In der Trübe ihres schwachen Sinns
ermattet den Menschen der Mut zum Leben.
Sie wissen es nicht, doch sie fühlen es alle:
Ihr Menschsein neigt sich dem Ende.
Die Nacht bricht an und bald regiert die Finsternis.
Doch ich rufe laut:
Fürchtet Euch nicht!
Seht her! Seht das Leid der Welt!
Seht her! Seht meine Wunden!
Seht her! Seht mein Leiden!
Seht her! Sehr die Schnitte auf den beiden Seiten meines Leibes!
Freigelegt mein Lebensnerv!
Freigelegt der Hohlweg meines Samens!
Und! zwei! Stück! à vier! Zentimeter!
Vom Strang! mir! aus dem Leib! herausgerissen!
und! wieder zugenäht! Der Herr Dr. Stemmler! Großartig!
Seht her! Seht hier!
Die Fäden sind schon abgefault! Die Narben verwachsen!
Sieht beinahe aus wie vorher!
Doch täuschet Euch nicht:
Ich bin nicht der, der ich einmal gewesen bin.
Ich bin nicht der, der ich einmal gewesen war.
Ihr werdet Euch wundern! Ihr werdet staunen!
Ein ganz Anderer bin ich Euch geworden!
Vor Euch stehe ich:
Ein Berufener! Ein Erwählter! Ein Geheilter!
Ein Geheiligter!
Ein Heiliger!
Jetzt spreche ich wahr:
Von Anbeginn der Zeit ringt mit der Dunkelheit das Licht.
Liegt mit der Nacht der Tag im Streit und es ringt der Tod mit dem Leben.
Was ist, das wird gewesen sein und nichts was ist wird sein.
Doch das, was wird, kommt aus dem Sein, das immer war.
Und das, was war, und das, was ist und immer sein wird, das ist Nichts.
aus: wahr. haft. ich. – Musiktheatralische Essay über Dürers Melencolia I (2005)
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