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Deutscher Komponistenverband
Ein Brief
Berlin, den 8. Mai 2004
An den Präsidenten des
Deutschen Komponistenverbandes
Sehr geehrter Herr W.
Vor etlichen Jahren bin ich, von H. B. ermuntert, dem Deutschen Komponistenverband beigetreten und habe mich da, das muß ich wohl eingestehen, niemals wirklich heimisch gefühlt. Hatte ich anfangs noch die vielleicht naive Vorstellung, bei dem DKV handele es sich um eine Organisation, welche die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber der Öffentlichkeit vertritt, so habe ich bald verstanden, daß es sich beim DKV eher um so etwas wie den Limbo zur GEMA handelt, nicht mehr – nicht weniger. Ich muß zugeben, daß ich den Sinn einer solchen Orientierung der Verbandsarbeit niemals wirklich einleuchtend fand. Die damit wohl verbundene Enthaltsamkeit in allen Fragen der Kulturpolitik, angefangen bei der Sparpolitik der öffentlichen Haushalte bis hin zur restriktiven Entwicklung bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten, hat mich stets erstaunt. Und auch das prinzipielle Deckeln von solchen inhaltlichen Fragen, die heute in breiter Öffentlichkeit geführt werden, die einerseits mit der Digitalisierung von Musik und ihrer globalen Verbreitung zu tun haben und andererseits mit der Indienstnahme des musikalisch Ästhetischen im Zeichen wirtschaftlicher und politischer Interessen, stellt dem Verband das traurigste Zeugnis aus. Ich vermute, daß dieses Selbstverständnis und diese Lethargie mehr ein Resultat der Konstellationen der GEMA ist, als daß diese sich aus dem Verhältnis von Komponisten zum gesellschaftlichen Kontext ihrer Arbeit ergeben haben. Um konkreter zu sagen, was ich damit meine: die Komponisten, die sich daran gewöhnt hatten, seit es eine gemeinsame Verwertungsgesellschaft der Vervielfältigungsrechte etc. von Verlegern und Komponisten gibt, wie die Maden im Speck zu leben und ihren Nießnutz aus dem Aufschwung der modernen Kulturindustrie zu ziehen, haben sich mit dem Komponistenverband gegenüber den anderen GEMA-Gruppen ein Forum geschaffen, ihren Vorteil zu sichern. Nicht zuletzt die enge personelle Verknüpfung von DKV und GEMA legt die Vermutung nahe, daß es schon bei der Gründung des DKV nicht zuletzt darum ging, jenes parasitäre Konstrukt der GEMA weiter aufrecht zu erhalten, das historisch auf dem Boden der inzwischen peinlich obsolet gewordenen NS-Ideologie gewachsen waren. Ich meine damit diese alle ökonomischen Interessengegensätze verschmierende Idee einer organisatorisch einheitlichen Gemeinschaft von Urhebern und Verlegern, die ursprünglich dem obskuren Gedanken einer völkischen Gemeinschaft folgend zustande gekommen war.
Es nimmt mich nicht Wunder, daß in einer Zeit, wo in Folge der technischen Entwicklung die industrielle Erzeugung und Vermarktung von Musik in eine ernste Existenzkrise gerät, die Komponisten (E+U) nervös werden und die inneren Spannungen zunehmen. Folgerichtig werden die Komponisten im gegenwärtigen ökonomischen Schacher zwischen phonographischer Industrie und Musikverlagen in eine Bauernschlacht geschickt und erweisen sich dabei als ziemlich blind und gut funktionierende Idioten. Daß der DKV dabei bereitwillig als Spielfeld fungiert, auf dem diese Auseinandersetzungen ausgetragen werden, wird den Verband bald paralysieren. Jedenfalls erscheint mir absehbar, daß die Reibungen von Composers Club und Pro-Klassik-Freunden nicht Energie erzeugt, sondern die ohnehin schwachen Aktivitäten bindet und verbraucht.
Ich muß gestehen, daß ich von je her nicht nachvollziehen konnte, wenn von den gemeinsamen Interessen der Komponisten der beiden Bereiche E und U die Rede war. Zwar steht auch die Entwicklung der Ernsten Musik in einem sozialen Spannungsfeld, in dem die Erscheinungen der industriellen Massenkultur eine Rolle spielen, aber das Brett vor dem Kopf kann gar nicht so dick sein, als daß der Antagonismus von U und E nicht jedermann ins Auge spränge.
Der Widerspruch, den ich meine, besteht einerseits zwischen einer Tätigkeit, die sich der Sache der Kunst verschrieben hat und versucht, sich gegen alle gesellschaftlichen Widerstände zu behaupten, und andererseits der Ausübung einer Profession, deren Geschäft es ist, die Integration des Musikalischen in den kapitalistischen Verwertungsprozess voranzutreiben. Zwischen musikalischem Recycling, der mehr oder minder geschickten Anwendung von klangerzeugenden Softwareprodukten, und der Manifestation einer schöpferisch geistigen Tätigkeit besteht, auch wenn die Grenzen manchmal verwischt erscheinen, ein fundamentaler und prinzipieller Unterschied. Da mir der Gedanke nicht fernliegt, die Medien der elektronischen Unterhaltung als willfährige Instrumente zur bewußten Verblödung und Entmündigung der Menschen anzusehen, ist mir jede Idee an eine friedliche Koexistenz zwischen E- und U-Musik verleidet. Da meine eigene künstlerische Arbeit und mein Nachdenken über Musik und Kunst sich im schärfsten Widerspruch zu allen Erscheinungen eines Sounddesigns und musikästhetischen Re-Mixings befindet, weiß ich nicht, was ich in einem Verband suchen und finden könnte, dem schon auf der Ebene der Terminologie, die das Zentrum seiner Tätigkeit beschreibt, die Begriffe abhanden gekommen sind. Wenn der Stand der Komponisten sich nur noch über die potentielle Wertschöpfung seiner virtuellen ästhetischen Warenproduktion definiert, und jede akustische Erscheinung alleine schon dadurch zu Musik wird, daß sie auf dem Markt ihren Preis erzielt, dann mag dies vielleicht den gegenwärtigen gesellschaftlichen Realitäten geschuldet sein, aber ich vermag nicht länger einzusehen, warum ich ausgerechnet mit jenen, die ich als Verursacher bedeutender akustischer Umweltschäden und willfährige Kombattanten einer global agierenden, menschenverachtenden Verdummungsindustrie ausgemacht habe, auch nur die geringsten gemeinsamen Interessen teilen sollte.
Zwar spielt bei meiner Entscheidung, meine Mitgliedschaft im DKV zu beenden, auch die Tatsache eine Rolle, daß mich die Entwicklung der letzten Jahre auch persönlich ökonomisch derart betroffen hat, daß mein Einkommen längst unter die Armutsgrenze gefallen ist. Und es war deshalb höchste Zeit, mir einzugestehen, daß ich mir den Luxus einer Mitgliedschaft in diesem Verband, schlicht nicht mehr leisten kann.
Ich hoffe deutlich gemacht haben zu können, daß für die Aufkündigung meiner Mitgliedschaft letztlich meine Armut nicht ausschlaggebend war. Vielmehr hoffe ich, daß ich Ihnen habe verständlich machen können, daß mir meine Mitgliedschaft im DKV nicht deshalb sauer geworden ist, weil mir die dort wachsenden Trauben zu hoch hängen. Sollten im Komponistenverband überhaupt irgendwelche Früchte gewachsen sein, so müssen sie in so gewaltiger Höhe, oder derart im Verborgenen gereift sein, daß sie meiner Wahrnehmung gänzlich entzogen waren.
Sollte sich Ihnen noch die Frage stellen, weswegen ich nicht das Gespräch in meinem zuständigen Landesverband geführt habe, so bleibt mir nur die Antwort, die sich schon aus dem Gesagten ergibt, daß nämlich der DKV nicht das Forum sein kann, auf dem überhaupt irgendwelche Fragen erörtert werden könnten, die das Wesen des Musikalischen berühren, weder solche, die Musik als sozioökonomisches Phänomen betreffen, noch solche, die im Zusammenhang mit den Implikationen einer künstlerischen Arbeit stehen.
Gäbe es auch nur einen einzigen triftigen Grund durch meine Mitgliedschaft Solidarität zu üben, oder ständische Verbundenheit zu zeigen, so fiele mir der Abschied schwerer. Aber ich entdecke wirklich nicht einen einzigen guten Grund, der mich heute von diesem Schritt abhalten könnte.
Mit den besten Grüßen
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