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Blasen an den Füßen
Die Schulzeit war die allerschönste Zeit in meinem Leben. Ich war immer die Erste und die Beste. Immer habe ich alles schon im Vorhinein gewußt. Noch bevor die Lehrerin überhaupt was hat sagen können. Oft ist die Lehrerin zu mir gekommen, heimlich, und hat mich nach allem möglichen ausgefragt, was sie selbst nicht gewußt hat. Und ich hab es ihr immer einsagen können.
Wie die Schule zu Ende war, war die Lehrerin ganz traurig. Ich aber war fröhlich, weil ich gleich in den heiligen Stand der Ehe eingetreten bin. Es war die Liebe. Mein Bräutigam war ein Millionär, der eigentlich ein berühmter Prinz war. Der ist immer nur inkognito gereist, damit das Aufsehen nicht so groß ist. Den Namen weiß ich nicht mehr. Ich glaube er hat Rieger oder so ähnlich geheißen. Aber wegen seinem Inkognito hat er sowieso die Namen so oft wechseln müssen, daß ich sie nicht habe behalten können.
Wie dann die Geschichte erledigt und aus war, bin ich ins Kloster, zu den Guten Hirtinnen. Wie ich da einmal zur Beichte gegangen bin, ist mir der Priester gleich nachgestiegen und hat immer gesagt, er wäre ganz frei von Sünde. Und es wäre Gottes Wille und Barmherzigkeit. Da bin ich mit dem Autobus nach Berlin. Habe in einer Wirtschaft bedient. Wie mir das dann aber mit den Liebeserklärungen zu bunt geworden ist, bin ich mit dem Schnellzug nach Hamburg. Da hab ich einen Maler geheiratet. Das war eine sehr glückliche Ehe. Der Mann, Lubetz hat er geheißen, hat mich immer recht fest verhauen und jedes Jahr hab ich ein Kind gekriegt. Das war mir dann eindeutig zu viel.
In Hamburg da gibt es ja auch noch die großen Schiffe im Hafen. Und da war es oft lustig. Einmal hat mich dann so ein Kapitän, von so einem Luxusdampfer Erster Klasse mit nach Amerika genommen. Das war was. So ein Reichtum. Diamanten, Juwelen, Autos usw. Außerdem stehen in New York die sieben größten Häuser der Welt. Da hab ich dann privatisiert. Ich bin auch nach Florida kutschiert oder geritten, je nach dem. Und auf den Bermudas ist mir dann auch ein richtiger Filmschauspieler erschienen. Das war der Douglas Fairbanks, glaube ich. Genau kann ich mich nicht erinnern. Aber mein Bild war in allen Zeitungen. Das war wegen dieser Gerüchte. Wo ich hin bin, da hat es gewetterleuchtet. So viele Blitzlichter. Da war es leider aus mit dem Privatisieren und ich war auf einen Schlag öffentlich. Mir war das aber auf die Dauer zu anstrengend und so habe ich mich wieder eingesegelt nach Europa. Auf der Herüberfahrt hatten wir teils schönes Wetter, teils auch schlechtes. Teils Sonne, teils Regen. Und viele Schwankungen.
Am 18. bin ich endlich in Rotterdam angekommen. Das Jahr habe ich vergessen. Da ging es gleich ab ins Krankenhaus. Dort bin ich in ein himmelblaues Himmelbett gekommen. Alles in weißblau und blauweiß. Die Bettwäsche, die Vorhänge usw. Auch die Schwestern. Nur die Türen waren milchweiß und ewig zugesperrt. Der Doktor war ein hochanständiger Mann. Ich war gleich in ihn verliebt. Aber der sagt nur: „Ist nichts zu machen, punctum, Schluss!“ Da war also auch kein Bleiben. Und ich habe mich expreß hierher gewünscht. Man hat mir versprochen, es gibt ein Wiedersehen. Jetzt bin ich da. Und jetzt drücken mich die Schuhe.
aus: wahr. haft. ich. – Musiktheatralische Essay über Dürers Melencolia I (2005)
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